Das Anhalten der Welt.

Das Gespenst COVID-19 geht um.

War zuvor die Wirtschaft der Macher und Bestimmer, mimt plötzlich der Staat den Führer durch Krisen und Katastrophen. Im Stil herrschaftlich und lehrmeisterlich wie er sich in Österreich präsentiert, in Deutschland ruhiger und an die Reife der Menschen appellierend.

Wir halten an und vieles zurück. Aber es ist kein Stillstand, wie ständig beschrieben wird, weder ein Shut- noch ein Showdown, es ist das Anhalten der Welt (vgl. Carlos Castaneda), der Stillstand von Altem, Gewohntem,
ein Innehalten.

Manche Menschen und Unternehmen versinken dabei in Angst und Schrecken, andere wurden von der Katastrophe erwischt, ihnen gebührt unser Mitgefühl und unser Schutz. Die Irritation des Virus zwingt beinahe alle und alles zur Pause. Hier muss entschieden werden zwischen blindem Aktionismus und einem Anhalten, nur kurz, wo neu überlegt wird, wo eine Öffnung im Verlauf zu finden sein könnte, durch die etwas Anderes als gewohnt auftaucht.

Viele Menschen arbeiten derzeit an neuen Möglichkeiten des Sichtbarwerdens (vorwiegend digital, aber auch auf der Straße, vom Balkon aus, in den eigenen vier Wänden), des Geldverdienens (neue Produkte, Berufe, Projekte), sie erfinden bisher nicht Gedachtes, erlauben sich Neues, unter der Bettdecke des Stillhaltens werden viele aktiv, übernehmen Verantwortung für sich und andere, innerhalb der Begrenzung nutzen sie die auftauchenden Chancen. Da und dort entstehen intensivere soziale Begegnungen als zuvor, Kooperationen und Hilfeleistungen, aber auch die Spaltung in alte und junge Menschen, von wenig und mehr Gefährdeten, den Risikogruppen.

Der unsichtbaren Gefahr soll durch Maskierung und sozialer Distanz begegnet werden, die keine soziale ist, sondern eine räumliche. Dass das Soziale nur als eine räumliche gedacht wird und nicht als soziale Aktion, also als Kommunikation, zeigt auf, dass es bei solcher Argumentation vorwiegend um das Was geht und weniger um das Wie, das in Notzeiten gerne hintangestellt wird, in der Annahme, man könnte es zu einem späteren Zeitpunkt nachholen.

Waren Begriffe wie Disruption, Krise als Chance, Agilität, Nachhaltigkeit, Wertesystem und ähnliche bisher häufig schicke Schlagwörter und neuer Wein in alten Schläuchen (man konnte noch in altbekannte Muster ausweichen und so tun, als ob man innovativ wäre), sind wir derzeit wirklich und spürbar inmitten im Auge des Sturms, des Tornados, des Orkans – je nachdem, wie stark die Katastrophe einen trifft. Werte, die bisher eine gemeinsame Basis bildeten, werden durcheinandergewirbelt, weil sie kein Fixum sind und nie sein konnten, auch wenn man sie sich zuvor als System dachte. Die Fähigkeiten im Umgang mit Nichtwissen und aus dem Moment heraus richtige Entscheidungen zu generieren sind seit jeher bekannt, aber in den letzten Jahrzehnten im Management weitgehend verloren gegangen. 

Jene Menschen, die sich bereits vor der derzeitigen Krise konstruktiv und wohl überlegt mit unbekannten Zukünften und dem Unbekannten beschäftigten, sind nun klar im Vorteil. Für Improvisationsprofis sind diese Momente nichts Ungewohntes. Uneindeutiges als Übergangsstadium zu zukünftigen Festlegungen zu interpretieren und der schnelle und konstruktive Umgang mit Unvorhersehbarem gehören zu ihren wichtigsten Fähigkeiten.

Die Kunst zeigt es uns vor: Neues erfinden, sich in die Leere hineinarbeiten, die Angst vor dem Nichtwissen überwinden, Neues experimentierend annehmen, bewusst vorausahnen, über die eigenen Sicherheitsmuster springen. Literatinnen müssen Texte erfinden, Maler stehen vor einer leeren Leinwand, Jazzmusiker improvisieren, Komponisten schaffen neue Klangformen. Improvisation ist nicht Chaos und kein Aktionismus, sie ist ein Um- und Neuordnen, oft ein Erfinden, wo das Anhalten der Welt eine Paradoxie ist: schnelles Bewegen in der Langsamkeit. Der französische Regisseur Francois Truffaut hat eine treffende Definition von Improvisation gefunden: „Improvisation; das ist, wenn niemand die Vorbereitung merkt.“

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