Der Wert von Werten

Innovation, Kundenorientierung, Teamwork, Wertschätzung leben, Leistung anerkennen, Kostenbewusstsein, … ich könnte unzählige Werte aufzählen, die sich Unternehmen auf die Fahnen schreiben. Sie werden auf der Firmenwebseite platziert, tauchen in Hochglanzbroschüren auf oder hängen in Büros. Hat man früher von Wahrem, Schönen und Gutem gesprochen, spricht man heute auch allerorts von Werten: europäische Werte, fremde Werte, unsere Werte, Werte werden zu Wertesystemen, zu Wertewandel, zu Wertefundamenten. Aber haben wir die gleichen Bilder und Ideen hinter den jeweiligen Werten oder ist es Geplänkel, weil jeder Mensch seine eigenen Werte in den Begriff Werte hineinphantasiert und glaubt, von etwas Konkretem zu sprechen?

Worüber reden wir, wenn wir von Werten reden?

Wir sagen „unsere Werte“ und glauben zu wissen, was gemeint ist. Die Krux wird erst später im Detail deutlich. Allein schon einen Vorschlag zu einem „schönen“ Sommerurlaub mit unserer Partnerin, kann eine Meinungsverschiedenheit hervorrufen. Ist mit schöner Urlaub in den Bergen oder am Meer, im Norden oder im Süden, ein Städtetrip oder ein Strandurlaub gemeint. Und wenn wir nicht achtgeben, landet das gutgemeinte und schöne sommerliche Vorhaben im Streit und gegenseitigem Nichtverstehen. Hier sorgen nicht die Werte an sich für Streit, sondern deren Auslegung.

Werte liefern nur eine allgemeine Orientierung.

Das einzige, was sicher ist: Werte liefern eine gemeinsame Basis für die Kommunikation und melden sich nicht, solange sie miteinander harmonieren. Sie funktionieren, sofern keine störenden Einflüsse in Form von Einwänden oder Zweifeln wirksam werden, sagt der Soziologe Dirk Baecker. Werte sind schwache Verbindungen, sie verstecken sich in Ideologien, Meinungen, Normen, Haltungen, will man sie erfassen, rutschen sie einem aus der Hand wie ein Fisch. Und sie haben immer einen Bezug zu anderen Werten, sie definieren sich aus Kontext und Beobachter und geben nicht mehr als einen Rahmen zur allgemeinen Orientierung für Denken und Handeln ab.

Viele Menschen sehnen sich nach Werten wie Verlässlichkeit, Sicherheit, Ehrlichkeit, Stabilität. Werte können dies nie eindeutig erfüllen, denn sie sind nichts Festes, sie sind hybrid, flüssig. „Wir leben in einer Welt, in der sich ständig etwas Überraschendes ereignet, etwas Unerwartetes, nicht Vorhersehbares“, sagt Zygmunt Bauman, „alles zerfällt in Fragmente. Alles, was gestern noch gültig war, kann heute bedeutungslos sein“.
Werte sind weder biologisch vorgegeben noch eine theoretische Angelegenheit, sie haben sich durch die Sozialisation der Menschen herausgebildet. Nur über einen Vergleich und über konkrete Beschreibungen können individuelle wie kollektive Werte aus ihren Verstecken gelockt werden.

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