Odysseus’ Kalkül: Von der Paradoxie, Unbekanntes zu planen

Homers Odyssee als beispielhafte Geschichte systemischer Entscheidungsfindung und postheroischer Leitung

Während der letzten Jahrzehnte wurden die Konzepte von rational, mechanistisch geplanten Entwicklungsprozessen stürmisch durcheinandergewirbelt. Der derzeit rapide voranschreitende technologische Wandel ruft enorme Ungewissheiten hervor. Nicht geschlossene Dramaturgien, straff geordnete Abläufe von Projekten, Kontinuität in Innovationsprozessen, vorausplanbare Entwicklungen sind an der Tagesordnung, sondern unruhige Dauerzustände, bedrohte Stabilitäten und unsichere Ausgänge, ähnlich der Irrfahrt des Odysseus aus dem 8. Jahrhundert v. Chr. 

In Form von einzelnen Sequenzen (Lieder, Gesänge) berichtet Homers Odyssee über eine Reise voller Überraschungen und unvorhersehbarer Herausforderungen. Im Wissen um sein Nichtwissen fokussiert sich Odysseus nicht auf seine persönliche Wirkung, sondern auf ein Vollbringen im Sinne der Entfaltung und dem Nutzen des Potenzials von Situationen. Man könnte ihn aus heutiger Sicht einen postheroischen Führer bezeichnen. Er geht davon aus, nicht alles zu wissen und zu können und kann konstruktiv mit Ungewissheit umgehen. Postheroische Führung überprüft immer wieder neu, „mit welchen Ideen, Diagnosen, Kompetenzen und Ressourcen man unter welchen Umständen welche Erfahrung gemacht hat.“ (Baecker 2012). Sie reflektiert.

Ein postheroischer Führer ist jemand, der Kommunikationsprozesse so organisiert, dass an deren Ende nachvollziehbare Entscheidungen stehen. Im Gegensatz dazu steht der heroische Führer, der mit Macht und Allwissenheit agiert und einer linearen Struktur folgend Erfolge erzielen will. Eindeutigkeit steht Kontingenz gegenüber. Odysseus als postheroischer Führer ist ein aktiver Beobachter, ein systemisch denkender Problemlöser. Er nutzt das Potenzial der jeweiligen Situation, seines Teams, des zeitlichen Umstands und ist nicht der Macher selbst. Der aktive Umgang mit Komplexität und Nichtwissen wird zu seiner Herausforderung. Die Lösung liegt in der richtigen Einschätzung der eigenen Fähigkeiten, Ressourcen und Grenzen, der Beobachtung des Umfeldes, im Antizipieren möglicher Zukunftsszenarien und im Bewegen von einem Zustand zum nächsten.

Wenn wir an Führer denken, erwarten wir oft, dass jene Person, die führt, erfahrener ist als die Gruppe. Die steigende Komplexität macht es aber heute nahezu unmöglich, in allen Bereichen erfahren zu sein. Mehrdeutigkeit prägt unsere heutige Zeit. Autoritäre Alleingänge sind nicht angebracht. Steigende Komplexität erfordert, dass alle Köpfe denken. So auch Odysseus. Er erstellt keinen Plan, sondern bewegt sich von Herausforderung zu Herausforderung und meistert sie, die Chancen der einzelnen Herausforderungen nutzend. Er erkennt, dass er alleine nur wenig Chancen hat und hört zu. Ein gutes Beispiel hierfür lässt sich in folgender Episode finden: Er nähert sich mit seiner Mannschaft der Insel der Sirenen. Ihr verführerischer Gesang hat bisher alle Seefahrer in den Tod gerissen. Odysseus lässt seinen Leuten die Ohren verkleben und sich an den Mast bilden, um selbst dem Gesang zuhören und widerstehen zu können. So segeln sie vorbei und überleben. Odysseus stellt sich kreativ und endeckend einer bedrohlichen Situation.

Die Komplexität der Herausforderungen in der Odyssee ähneln heutigen Veränderungs- und Transformationsprojekten. Sie zeigt das Potenzial auf und die Möglichkeiten postheroischer Führung für Unternehmen, Projekte und Veränderungsprozesse. Postheroische Führung, mit dem Wissen um Ressourcen, Chancen, verbunden mit einer offenen, erwägenden Haltung kann eine Antwort hin zu positiver Bewältigung sein – so wie Odysseus es zeigt.

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